Dieser Artikel ist aus einem Workshop entstanden, den ich bereits auf verschiedenen Retreats und Veranstaltungen und auch online gehalten habe. Eine Video-Aufzeichnung findest du hier auf meinem Telegram-Kanal.
Das Schweigen im Schlafzimmer
Ich mache mittlerweile seit über dreißig Jahren Sexwork, davon seit fünfundzwanzig Jahren hauptsächlich im Kink- und BDSM-Bereich. Und wenn mir eins das Herz bricht, dann sind das Menschen, die mit ihren eigenen Vorlieben und Fantasien nicht im Reinen sind.
Das begegnet mir leider in rauen Mengen. Ich habe Geschichten von Klient*innen gehört, die sich beim Sex mit „Vanilla“-Partnern heimlich die halb ausgezogene Unterwäsche um die Knöchel wickeln, nur um so ein Bondage-Gefühl zu erzeugen, damit der Sex überhaupt für sie klappt. Ich habe Menschen kennengelernt, die mir sagten, dass sie in ihrem Leben noch nie auch nur über ihre Fantasien mit irgendjemandem gesprochen haben, bevor sie bei mir waren. Wir sprechen hier von Personen über dreißig, vierzig oder fünfzig, die voller Bedenken und Selbstzweifel sind und oft mit ihren eigenen Wünschen hadern.
Ich schwöre: Mit dir ist alles in Ordnung
Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, Menschen davon zu überzeugen, dass mit ihnen wirklich alles in Ordnung ist. Denn alles, was sich rein in Gedanken abspielt oder sich einvernehmlich unter Erwachsenen ausleben lässt, ist okay. Und okay ist da noch untertrieben – wieso deine Kinks sogar ausgesprochen kluge Strategien deines Unbewussten sind, erfährst du in diesem Artikel.
Ich weiß genau, wie sich diese Zweifel anfühlen. Ich bin selbst deeply kinky. Ich habe BDSM-Fantasien, seit ich denken kann, und habe mich früher natürlich auch gefragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Vor allem bei meinen etwas heftigeren Gewaltfantasien: Wenn ich damit auf die Menschheit losgelassen werde, drehe ich dann durch? Kriege ich rechtzeitig die Kurve?
Zum Glück hat sich herausgestellt, dass ich auch im Topspace empathisch bleibe und mein Gegenüber mindestens auf irgendeiner Meta-Ebene bereichern und glücklich machen will.
Aber wenn man solche extremen Fantasien hat, aktiv oder passiv, oder auch weniger extreme, die dafür vielleicht in einem Umfeld, das dafür kein Verständnis hat, dann kann ich total nachvollziehen, dass man sich erst mal fragt: Warum? Woher kommt das? Was stimmt mit mir nicht?
Mehr als nur „seltsame Vorlieben“
Kinks und sexuelle Fantasien sind mehr als nur seltsame Vorlieben. Sie sind Ausdruck innerer Bedürfnisse, Werkzeuge der Selbstregulation und Schlüssel zu tiefer Lust.
Oft höre ich die Frage: „Woher kommt das? Was ist in meiner Historie passiert?“. Das ist eine gute Frage, und wir werden uns auch damit beschäftigen. Noch interessanter finde ich allerdings die Frage, was dein Kink im Hier und Jetzt für dich bewirkt. Was nützt er dir? Was macht er mit dir emotional und welches Bedürfnis erfüllt er?
In diesem Artikel möchte ich darauf eingehen, warum wir Kinks entwickeln und was die Wissenschaft dazu sagt. Denn wenn wir verstehen, wie klug unsere Fantasien unser Nervensystem steuern, können wir vielleicht endlich aufhören, mit uns zu hadern, und anfangen, unsere Sexualität als das zu sehen, was sie ist: eine wunderbare Ressource.
Die Physiologie der Erregung: Gaspedal und Bremse
Wir starten mit ein paar Grundagen: Wie funktioniert Sexualität eigentlich auf der Ebene des Nervensystems?
Neuronal betrachtet ist Sex etwas ziemlich Besonderes, weil dort zwei Gegenspieler zusammenarbeiten: der Parasympathikus und der Sympathikus.1
Der Sympathikus und der Parasympathikus sind die zwei Hauptkomponenten des vegetativen Nervensystems, die gegensätzliche, aber ergänzende Funktionen haben: Der Sympathikus aktiviert den Körper („fight or flight“), steigert Herzfrequenz und Atmung und baut Energiereserven ab; der Parasympathikus beruhigt den Körper für Ruhe und Erholung („rest and digest“), verlangsamt Herzschlag und fördert Verdauung und Regeneration, um Energie aufzubauen. Sie arbeiten in der Regel als Gegenspieler.
Beim Sex sind nun beide Komponenten aktiv – und zwar in einem wohlregulierten Ausmaß und perfekt zeitlich abgestimmt.
- Der Parasympathikus (Entspannung): Er sorgt für Muskelentspannung und vor allem für Gefäßentspannung. Nur wenn die Gefäße sich weiten, können sich die Schwellkörper füllen – das ist die Voraussetzung für eine Erektion bei allen Geschlechtern. Ohne diese Entspannung, etwa durch zuviel Nervosität oder Bedenken, kommt es zu sexuellen Funktionsstörungen.
- Der Sympathikus (Aktivierung): Gleichzeitig brauchen wir aber auch Aktivierung im Gehirn, die eigentliche Erregung, und zwar umso mehr, je näher wir dem Orgasmus kommen.
Die Kunst liegt im Timing und in der Dosierung. Wir brauchen nicht zu viel und nicht zu wenig von beidem, und das auch noch zum richtigen Zeitpunkt: am Anfang mehr Entspannung, am Ende mehr Erregung.
Das Dual Control Model: Fuß vom Bremspedal und los!
Für diese neuronalen Aktivitäten gibt es eine schöne Metapher: Vielleicht hast du schon einmal vom „Dual Control Model of Sexual Response“ gehört, das vom Kinsey-Institut entworfen wurde.2 Dieses Modell vergleicht sexuelle Lust mit einem Auto, das ein Gaspedal und eine Bremse hat.
Damit der Sex und die Lust funktionieren, müssen zwei Dinge passieren:
- Fuß von der Bremse: Wir dürfen die Hindernisse aus dem Weg räumen, die uns blockieren (psychologisch und neuronal). In der Regel bedeutet das, Ängste zu beruhigen, den Parasympathikus zu aktivieren und uns zu entspannen.
- Fuß aufs Gaspedal: Wir dürfen die Dinge denken oder tun, die uns „kicken“ und erregen. Dies bedeutet Aktivierung des Sympathikus.
Kinks – also sexuelle Fantasien und Strategien – sind nichts anderes als Werkzeuge, die genau für das passende Maß und Timing von Entspannung und Aktivierung sorgen. Sie helfen uns, den Fuß von der Bremse zu nehmen und gleichzeitig ordentlich Gas zu geben.
1. Kinks lösen die Bremse: Wie Fetische Beziehungsängste beruhigen
Wenn wir beim Bild von Gaspedal und Bremse bleiben, müssen wir uns fragen: Was sind diese Bremsen eigentlich? Meistens sind es Ängste. Sie stehen uns im Weg, vor allem wenn es um Nähe zu einer anderen Person geht. Diese Ängste verhindern die Entspannung, die wir für guten Sex brauchen. Wir grübeln, wir sind angespannt, und der Sex klappt nicht oder fühlt sich nicht gut an.
Die vier Grundängste in Beziehungen
In der Literatur finden sich vier Grundängste, die sexueller Funktion im Wege stehen3:
- Angst vor Nähe: Die Angst vor zu viel Intimität, oft verbunden mit der Sorge, die eigene Integrität oder Unabhängigkeit zu verlieren.
- Angst vor dem Getrenntsein: Das genaue Gegenteil. Die Angst davor, verlassen oder zurückgewiesen zu werden, einen Korb zu bekommen oder sexuell unzulänglich zu sein.
- Angst vor Kontrollverlust: Die Sorge, die Kontrolle über sich selbst oder die Situation an den Partner zu verlieren.
- Angst davor, zu kontrollierend zu sein: Die Angst, „zu viel“ zu sein, den Partner zu überfordern oder zu verletzen – eine Angst, die ich oft bei Menschen erlebe, die ihre eigene Libido als zu stark empfinden.
Wie Kinks diese Ängste austricksen
Wie können wir solche Ängste beruhigen? Wir nutzen dafür zwei Strategien in unseren Fantasien:
- Strategie 1: Das Gegenteil inszenieren. Wenn ich Angst vor Kontrollverlust habe, kann ich Dominanzfantasien entwickeln. Ich sage mir: „Ich habe die Kontrolle, mir kann nichts passieren, also kann ich Nähe zulassen“.
- Strategie 2: Das Befürchtete kontrolliert geschehen lassen. Angst haben wir immer nur vor der Zukunft, vor Dingen, die passieren könnten. Wenn ich aber im Spiel dafür sorge, dass mein Kontrollverlust (z. B. durch Fesseln) bereits eingetreten ist, muss ich keine Angst mehr davor haben. Es ist ja schon passiert – und zwar sicher und kontrolliert.
Lass uns das an ein paar konkreten Beispielen durchgehen, die mir oft begegnen.
Das Überwältigungsszenario („Rape Play“)
Ein Klassiker bei weiblichen Fantasien ist die Vorstellung, überwältigt und sexuell benutzt zu werden. Warum entspannt das?
Nun, es beruhigt die Angst vor dem Getrenntsein und Ungeliebtsein. Wenn dich jemand (in der Fantasie!) so sehr will, dass er sogar ein „Nein“ ignoriert, ist das der ultimative Beweis dafür, dass du begehrt wirst. Gleichzeitig nimmt es die Angst, „zu viel“ zu sein. Du bist nicht verantwortlich, der andere holt sich einfach, was er will. Und zudem beruhigt es die Angst vor Kontrollverlust, weil dieser im Szenario auf eine sichere Weise bereits stattgefunden hat.
Cuckolding: Wenn Eifersucht geil macht
Cuckolding ist tatsächlich das meistgesuchte Wort im Joyclub. Dabei schaut der Partner (meist der Mann) zu oder weiß, dass seine Frau Sex mit anderen hat, und wird dafür gedemütigt, dass er selbst „es nicht bringt“.
Wie kann man das Gefühl, unzulänglich zu sein, erotisieren? Es ist eine Form von psychologischem Masochismus, der die Angst vor dem Verlassenwerden aufgrund sexueller Unzulänglichkeit beruhigt. Indem wir die befürchtete Unzulänglichkeit selbst inszenieren und zum Teil des Spiels machen, verliert sie ihren Schrecken. Wir machen daraus ein „Feature“. Die Partnerin verlässt dich nicht, sondern ihr erlebt das gemeinsam. Die Bürde, performen zu müssen, ist endlich weg.
Bondage: Gehalten werden
Fesseln und gefesselt werden ist extrem beliebt. Auf der passiven Seite beruhigt es die Angst vor dem Getrenntsein, weil man buchstäblich „eingefangen“ wird. Es hat einen starken Aspekt von Gehaltenwerden, Geborgenheit und Fürsorge. Es nimmt dir die Last, selbst etwas leisten zu müssen (beruhigt die Angst vor Unzulänglichkeit). Da der andere die Verantwortung übernimmt, muss ich keine Angst mehr haben, die Kontrolle zu verlieren – sie ist ja schon weg.
Dominanz und Sadismus
Dominanzfantasien können helfen, die Angst vor dem eigenen Kontrollverlust zu beruhigen, indem du die Führung übernimmst. Du bestimmst, was passiert und kontrollierst dein Gegenüber, das dir so nicht mehr gefährlich werden kann, selbst wenn du es ganz nah an dich heranlässt. Sadismus ist dabei Mittel zum Zweck, eine Demonstration dieser Macht und Kontrolle für alle Beteiligten.
Feminisierung und Sissification
Es gibt zahllose Männer, die sich nach der „Sissy“-Rolle sehnen (Feminisierung, oft mit Aspekten von Demütigung). Das befreit vom Anspruch, der ständige „Macher“ sein zu müssen. In unserer Gesellschaft müssen Männer oft leisten und initiieren. Die Fantasie, zur Frau gemacht und zur Abwechlung mal gezwungen, vernascht und benutzt zu werden, ist ein Urlaub von diesem Anspruch und der Angst, vielleicht nicht performen zu können.
2. Kinks als Gaspedal: Wie „negative“ Gefühle Lust erzeugen
Wir haben jetzt darüber gesprochen, wie wir den Fuß von der Bremse nehmen. Aber damit das Auto fährt, müssen wir auch aufs Gaspedal treten. Wir müssen den Sympathikus aktivieren, also für Erregung im Nervensystem sorgen.
Und jetzt wird es für viele erst mal paradox: Die stärksten „Treibstoffe“ für dieses Gaspedal sind Emotionen, die wir im Alltag eigentlich vermeiden wollen – Angst, Schmerz, Scham, Wut oder Ekel. Was zur Hölle hat das mit Sex zu tun?
Das Brückenexperiment: Warum Angst erregt
Um das zu verstehen, müssen wir ins Jahr 1974 zurückblicken. Damals wurde erstmals ein psychologisches Experiment durgeführt, das später als „Brückenexperiment“4 berühmt und vielfach wiederholt und bestätigt wurde. Man ließ dafür Psychologiestudenten über zwei verschiedene Brücken gehen:
- Eine stabile Betonbrücke.
- Eine wackelige, schwankende Hängebrücke.
Am Ende der Brücke wartete eine attraktive Versuchsleiterin, ließ die Männer einen Fragebogen ausfüllen und gab ihnen ihre Nummer, falls sie „noch Rückfragen“ hätten.
Das Ergebnis? Die Männer, die über die schwankende Hängebrücke gelaufen waren, riefen die Dame signifikant häufiger an – unter dem Vorwand einer Rückfrage, aber eigentlich, weil sie sich ein Date erhofften.
Der Grund dafür ist der sogenannte Erregungstransfer5. Die wackelige Brücke hatte die Männer nervös gemacht. Dieses körperliche Gefühl von Nervosität (Herzklopfen, Anspannung, schwitzige Hände) haben sie dann fehlinterpretiert: Nicht als „Ich habe Angst, runterzufallen“, sondern als „Wow, die Frau ist heiß!“.
Hand aufs Herz: Erinnerst du dich an das Gefühl von frischem Verliebtsein, diese Schmetterlinge im Bauch? Physiologisch fühlt sich das doch fast exakt genauso an wie: „Scheiße, ich habe morgen eine Prüfung und nicht genug gelernt“.
Erregung ist Erregung ist Erregung
Emotionen funktionieren nach der „Zwei-Faktoren-Theorie“6. Ein Gefühl besteht demnach aus zwei Dingen:
- Der körperlichen Erregung (Physiologie).
- Den Gedanken, die wir uns dazu machen (Kontext).
Das bedeutet: Ob dein Herz rast, weil du Angst hast oder weil du geil bist, ist deinem Körper erst mal egal. Es ist einfach Aktivierung („Arousal is arousal is arousal“). Und genau hier setzen Kinks an. Wir nutzen Situationen, die uns aktivieren – durch Tabubruch, Schmerz oder Angst – und framen diese Aktivierung im sicheren Kontext des Schlafzimmers um in „Lust“.
Lass uns an ein paar Beispielen schauen, wie das konkret aussieht:
- Der Kick durch Scham (Dirty Talk): Selbst beim ganz normalen „Vanilla“ Dirty Talk nehmen wir Worte in den Mund, die man „eigentlich nicht sagt“. Egal für wie befreit wir uns halten, das erzeugt ein Gefühl von Scham. Scham ist eine soziale Angst: Sie soll uns davon abhalten, die Normen unserer Gemeinschaft zu missachten, Tabus zu brechen und dafür aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden – evolutionär gesehen ein Todesurteil. Wenn wir im Bett „Sau“ oder „Schwanz“ sagen, spielen wir mit dieser Angst. Wir brechen ein Tabu, das Gehirn feuert Warnsignale (Aktivierung!), und wir wandeln diese Energie direkt in sexuelle Erregung um.
- Der Kick durch Schmerz: Schmerz ist eigentlich ein Warnsignal, das Flucht oder Kampf auslösen soll. Es aktiviert das Nervensystem massiv. Wenn wir aber den Kontext ändern und wissen „Ich bin sicher, mir passiert nichts Schlimmes“, bleibt pure Energie übrig und befeuert die Lust.
- Der Kick durch Eifersucht (Cuckolding): Hier haben wir einen massiven Tabubruch, besonders für Männer, weswegen Cuckolding stark gegendert ist. Das Patriarchat hat uns beigebracht, dass Männer die Kontrolle über die Sexualität „ihrer“ Frauen haben müssen (um sicherzustellen, dass sie keine Kuckuckskinder großziehen und ihre Güter an biologische Söhne vererben können). Wenn ein Mann diese Kontrolle verliert und zusieht, wie seine Frau es mit einem anderen treibt, ist das ein gewaltiger Bruch gesellschaftlicher Normen. Diese Scham und Demütigung sind extrem aktivierend.
- Der Kick durch Drama (Versöhnungssex): Auch Wut ist Energie. Deswegen funktioniert Versöhnungssex so gut: Wir nehmen die Aktivierung aus dem Streit und lenken sie anschließend um.
Kinks sind also genial darin, das Nervensystem hochzufahren, indem sie Gedanken und Handlungen nutzen, die uns in einem anderen Kontext stressen würden, und sie in Lust umwandeln.
Und zum Thema Timing: Ist dir auch schon aufgefallen, dass deine Fantasien zum Orgasmus hin immer wilder werden, der Tabubruch immer weiter eskaliert? Manchmal ist es dieser eine Gedanke, der dich regelmäßig über die Schwelle schubst. Nun weisst du auch, wieso das so gut funktioniert.
Und wie entstehen solche Kinks nun?
Nachdem wir wissen, wie Kinks im Hier und Jetzt wirken, bleibt oft trotzdem diese eine Frage im Raum: „Woher kommt das? Was ist in meiner Geschichte passiert, das mich genau diese sexuelle Strategie unbewusst hat wählen lassen?“.
Der Mythos vom direkten Trauma
Es gibt da viel Küchenpsychologie. Oft heißt es: „Diese Person reinszeniert ihr Trauma im BDSM, weil sie eben kaputt ist.“ Das halte ich für viel zu kurz gegriffen.
Natürlich kann das hineinspielen. Manchmal versuchen wir unbewusst, eine dysfunktionale Erfahrung aus der Vergangenheit zu einem besseren Ende zu bringen. Aber so einfach gestrickt sind wir Menschen meistens nicht. Es gibt keine Eins-zu-eins-Korrelation, nach dem Motto: „Wer X erlebt hat, entwickelt automatisch Kink Y“.
Es ist oft komplexer, als du denkst
Die Ängste, die wir mit unseren Kinks beruhigen, müssen nicht einmal aus deiner eigenen direkten Erfahrung stammen:
- Das Erbe der Eltern: Ich höre oft: „Ich hatte doch eine total glückliche Kindheit.“ Ja, aber vielleicht hatten deine Eltern keine. Oder deine Großeltern. Ängste und Traumata können als sogenannte sekundäre Traumatisierungen über Generationen weitergegeben werden. Kinder spüren die unbewussten Ängste ihrer Bezugspersonen und übernehmen sie.
- Gesellschaftlicher Druck: Oft sind es gesamtgesellschaftliche Normen, die uns prägen. Wenn du als Mann lernst, dass „echte Kerle“ immer stark sein müssen, und du dich damit überfordert fühlst, ist der Wunsch nach Feminisierung (Sissyfication) vielleicht einfach deine Lösung, um diesem Druck zu entkommen.
Manchmal ist es einfach nur Zufall (Die Delfin-Story)
Und manchmal entstehen Kinks durch puren Zufall und Konditionierung. Ich habe dazu ein wunderbares Beispiel aus meiner Sexworker-Community:
Ein Gast suchte eine Sexarbeiterin, die sich für ihn auf einem aufblasbaren Schwimmtier – genauer gesagt einem Delfin – bis zum Orgasmus reibt und ihn dabei zuschauen lässt. Woher kommt so etwas?
Mein Kopfkino dazu sieht folgendermaßen aus: Stell dir einen pubertierenden Teenager im Freibad vor. Die Hormone sprießen. Er hält sich an diesem glatten, quietschenden Schwimmtier fest. Vielleicht sieht er gerade jemanden Attraktives in Badekleidung, vielleicht ist es nur die Reibung an der glatten Delfinhaut – und er bekommt eine Erektion.
Zusätzlich zur körperlichen Stimulation und den sexy Mädchen im Bikini schießt ihm noch ein Gedanke durch den Kopf: „Oh Gott, ich kriege einen Ständer in der Badehose und jeder kann es sehen!“.
Er empfindet Scham und Angst. Und wie wir beim Brückenexperiment gelernt haben, kann diese Angst die Erregung noch massiv verstärken.
Das Gehirn speichert in diesem Moment ab:
Textur des Schwimmtiers + Attraktive Frau + Massive Erregung durch Angst/Scham = BINGO.
Spätestens, wenn sowas zum zweiten Mal passiert, ist die Verknüpfung zementiert.
Auch noch wichtig: Dein Kink ist keine politische Überzeugung
Zum Abschluss möchte ich noch einen Punkt anprechen, der mir extrem wichtig ist, weil es hier so viele Missverständnisse gibt. Ich höre oft die Sorge: „Wenn ich auf etwas bestimmtes stehe, bedeutet das dann, dass ich wirklich so bin?“.
Die Antwort ist: Nein. Kinks sind keine Überzeugungen. Oft sind sie sogar das genaue Gegenteil.
Nachts tun wir das, wogegen wir tagsüber demonstrieren
Es gibt ein Zitat von der wunderbaren Paartherapeutin Esther Perel: „Menschen erregt nachts das, wogegen sie tagsüber demonstrieren gehen“.7
Gerade der Widerspruch ist das, was uns anmacht.
- Eine überzeugte Feministin, die sich zum erotischen Vergnügen in die 50er-Jahre-Hausfrauenrolle begibt, ihrem Mann die Füße massiert und ihm das Essen serviert, bricht damit ein massives eigenes Tabu – nämlich das der Gleichberechtigung.
- Ein Veganer, der auf Leder steht, hadert vielleicht mit sich, aber der Reiz entsteht genau durch diesen Konflikt.
- Ein Anarchist, der einen Uniform-Fetisch hat, findet das nicht geil, weil er Autorität liebt, sondern weil es seinem politischen Selbstverständnis so krass widerspricht.
Der Bruch persönlicher Tabus sorgt für Erregungstransfer. Deshalb finde ich es auch so gefährlich und traurig, wenn Menschen aufgrund ihrer Kinks verurteilt werden. Eine Person mit einem Fetisch für Nazi-Uniformen ist nicht automatisch politisch rechts, ein sexueller Sadist ist kein Gewalttäter – oft ist vielmehr das Gegenteil der Fall.
Deine Kinks sind wertvolle Ressourcen
Fassen wir zusammen: Vieles von dem, was wir im BDSM tun, wäre in einem anderen Kontext völlig dysfunktional. Aber im geschützten, einvernehmlichen Rahmen des Schlafzimmers, oder in deinen erotischen Gedanken und Fantasien, wird es zur Superkraft.
Deine Kinks sind keine Fehler in deinem System. Sie sind wertvolle und wichtige Ressourcen:
- Um dein Nervensystem zu regulieren
- Um Nähe und Bindung überhaupt erst möglich zu machen
- Um deine sexuelle Funktion zu aktivieren
Mein Wunsch für dich: Mut zur Selbstempathie
Wenn du verstehst, warum du auf das stehst, worauf du stehst – nämlich aus Gründen der emotionalen Regulation und neuronalen Funktion –, dann ist jeder erotische Fantasie total nachvollziehbar und völlig okay.
Das heißt nicht, dass du jeden Kink real ausleben musst oder solltest. Manche Dinge bleiben besser reine Gedankenspiele, Hypnose-Erlebnisse oder Dirty Talk, und das ist auch völlig in Ordnung. Aber ich wünsche dir, dass du aufhörst, dich dafür zu verurteilen.
Es gibt da draußen viel mehr Menschen, die sagen „Oh ja, let’s go!“, als du vielleicht denkst. Ich möchte dich zu Mut und Selbstempathie ermutigen. Du bist genau richtig, so wie du bist.
Von der Theorie in die Praxis
Dieser Artikel spiegelt den ersten Teil meines Workshops wieder. Hier haben wir über wissenschaftliche Theorien zum Nutzen von erotischen Phantasien, Rollenspielen und Fetischen für Wohlbefinden, Beziehungen und sexuelle Funktion gesprochen.
Doch rationales Wissen ist nicht alles.
Im zweiten Teil begleite ich dich auf eine geführte hypnotische Traumreise. In inneren Bildern erforschst du, welches emotionale Bedürfnis hinter deinem persönlichen Kink steckt – und wie du dir dieses Bedürfnis auf eine ganz neue Weise selbst erfüllen kannst.
Auch von dieser Hypnose gibt es eine Aufzeichnung, die ich in Kürze kostenlos auf Telegram und im JOYclub zur Verfügung stellen werde. Um nichts zu verpassen, abonniere am besten jetzt meinen ➡️ öffentlichen Telegram-Kanal und werde Fan unseres ➡️ JOYclub-Profils.
Quellen zu diesem Artikel:
- Autonomic Regulation of Sexual Function – Neuroscience – NCBI Bookshelf ↩︎
- Dual Control Model of Sexual Response ↩︎
- Zoltan Dienes: The secret logic of sexual fantasy : COGS Research seminar videos ↩︎
- Some evidence for heightened sexual attraction under conditions of high anxiety (Donald G. Dutton and Arthur P. Aron) ↩︎
- Excitation Transfer Between Sexual Arousal and Other Emotions in a Community Sample – PubMed ↩︎
- Die Zwei-Faktoren-Theorie der Emotion ↩︎
- The secret to desire in a long-term relationship (Esther Perel) ↩︎
